Polymorfinesse

Literatur & Bild in Köln und in der Welt

Berichte zur LitCologne 2016


Bericht zur Veranstaltung Das Kölsch ist von dem Herrn da hinten – die Poesie des Aufreißens und Anbandelns am 17. März 2016

Von Jägern und Fischern


Jäger und Sammler ist der Mensch einst gewesen, so sagt man. Ganz kann der Mensch aber, so scheint es, sein Erbe nicht ablegen. Sonst würde er vielleicht aussterben. Zumindest ist dies der naheliegende Schluss, den man ziehen muss nach dem Besuch von Das Kölsch ist von dem Herrn da hinten – die Poesie des Aufreißens und Anbandelns am 17. März im Rahmen der LitCologne. Wie sehr das Jagen und das Fischen bis in die Gegenwart unser aller Leben bestimmen, macht dieser literarische Abend deutlich. Yuri Englert setzt den Rahmen, sitzend, vor einem Schädel samt Geweih. Er gibt den Nachrichtensprecher, den Erklärbär, den Märchenonkel und trockenen Wissenschaftler, der aufdeckt und erläutert. Daten, Fakten, Hintergründe aus der weiten Welt des Angelns und des Jagens verdeutlichen den JängerInnen und FischerInnen im Publikum das breite Spektrum beider Tätigkeiten, die Entwicklung von Begriffen vor ihrem Übertritt in die Alltagssprache und das spezielle Fachwissen, das zum Erfolg führen soll.

Englert unterbricht seine Ausführungen immer wieder, oder vielmehr wird er unterbrochen von Anschauungsmaterial aus der Lebenspraxis, geliefert in Form von literarischen Texte oder Zeitungstexten, gelesen von Inga Busch und Christoph Maria Herbst. Hier ist nun alles dabei, das der nüchternen Darstellung Englerts entgegen steht: Romantisches wie Derbes, Gehauchtes wie Gerotztes, Anspruchsvolles und das Gegenteil…

Busch und Herbst lesen Texte über Männer und Frauen. Aus der ganzen breite literarischer Tradition, die sich dem Thema widmet – das ja bekanntlich eines der beliebtesten Themen der Literatur überhaupt darstellt – werden nur einige vorgetragen. Dennoch wünscht man sich als Zuschauer eine Liste zum mitnehmen, um die eine oder andere Geschichte, das hier und da gefallene Bonmot noch einmal nachzulesen, merken konnte man sich das nicht alles. Aber manches bleibt haften: viel Amüsantes und nur wenig Bestürzendes wie etwa einige Verhaltenstipps aus einer Bravo, gedruckt 2015 mit Vorschlägen aus dem vorigen Jahrhundert. Auch vertiefende Gedanken zu Ryan Gosling blieben nicht aus. Inhaltlich eine Qual und doch in der Dramaturgie des Abends gut eingebettet und wunderbar vorgetragen. Kurzum, es gab zahlreiche Anlässe zur Gänsehaut, wenn auch aus durchaus unterschiedlichen Gründen.

Zurück bleibt der Zuschauer. Erheitert. Und bereichert um die Erkenntnis, dass ein großer Teil unseres sozialen Verhaltens nicht nur unter den Begriffen Fischerei und Jagd subsumiert und strukturell beschrieben werden kann, sondern, dass auch das Vokabular zu dieser Beschreibung eben diesen Bereichen (vgl. abblitzen) entstammt.

So können wir alle erneut auf die Pirsch gehen oder versuchen uns etwas zu angeln, mit einem viel deutlicheren Bewusstsein davon, wie wichtig es ist, das Wild nicht durch Grobheit zu verschrecken oder den richtigen Köder zu benutzen. Literatur hilft wirklich in allen Lebenslagen weiter.




Bericht zur Vorstellung des Buchs Ich wünsch' Dir ein glückliches Leben mit Jacky Dreksler und Hugo Egon Balder

Ist das, weil Sie Jude sind?

  „Hast du was gegen Juden?“ - „Ja, Gas!“ Die Kurzversion der ersten Begegnung von Hugo Egon Balder und Jacky Dreksler, wenn man der Autobiographie Ich wünsch' Dir ein glückliches Leben von Dreksler glauben darf. Anlässlich dieser Autobiographie treffen sich die beiden Freunde zum Gespräch über das Jüdischsein in Deutschland mit Moderatorin Randi Crott im Rahmen der LitCologne am 18. März.

Der jüdische Witz, so scheint es, steht im Zentrum. Trotz, oder vielleicht gerade wegen der ungewöhnlichen und dramatischen Lebensgeschichte Drekslers. Besonders die Kindheit ist geprägt von der Erfahrung der jüdischen Mutter, die Auschwitz überlebt, dann kurz nach Kriegsende unschuldig ins bundesdeutsche Gefängnis gebracht wird. Als der junge Dreksler neun Jahre alt ist, stirbt die Mutter an Krebs. Der Junge bleibt in der Obhut einer Frau, die er „Omi“ nennt, mit der er aber nicht verwandt ist. Sie versorgt ihn, hintergeht ihn, manipuliert ihn, und versucht ihn zum Katholizismus zu bekehren, entgegen dem Wunsch der Mutter auf dem Sterbebett, die ihm den Auftrag gibt, ein guter Jude zu werden. Vor allem aber ist das Vermächtnis der Mutter in ihren letzten Worten dieses: der Sohn soll glücklich werden in seinem Leben, trotz ihrer tiefen Überzeugung die Konzentrationslager würden eines Tagen wiederkehren.

Die Chemie zwischen Balder und Dreksler stimmt, wie nicht anders zu erwarten bei alten Freunden. Sie lesen gemeinsam aus Drekslers Buch, Balder lockert immer wieder die Stimmung durch humorvolle Einschübe, Dreksler wird hier und da philosophisch. Das Publikum pendelt zwischen kurzweiliger Zerstreuung und wiederkehrender Beklommenheit. Nur die Moderatorin scheint streckenweise nicht recht in die Szenerie passen zu wollen. Ein wenig hilflos wirkt sie und blass neben den beiden Herren, die auf der Klaviatur des beißenden jüdischen Humors spielen. Fragen scheinen sich zu verlaufen oder Bezüge erzwingen zu wollen. Zu herbei konstruiert erscheint mitunter der ewig wiederkehrende Bezug zum Jüdischsein mit Blick auf fast jede vorgelesene Passage. Wo individuelles Schicksal verhandelt wird, soll etwas Allgemeines herauskommen. Bei einem so ungewöhnlichen Lebensweg wie dem Drekslers ist das schwer möglich.

Am Ende des Abends fühlt man sich unterhalten und hat fast ein schlechtes Gewissen deswegen. Darf man sich unterhalten fühlen vom schweren Schicksal eines Mitmenschen? Ja, man darf. Die beiden Protagonisten des Abends machen es vor. Je dunkler der Weg, desto beißender der Humor. Und letztlich hat man doch auch Allgemeines erfahren: dass der jüdische Humor sich grundsätzlich zunächst einmal gegen sich selbst richtet, dass Nazis und Juden ein Gespür haben Juden zu erkennen, dass man – entgegen manchem Klischee – intelligent sein muss, um Unterhaltung machen zu können. Auch die als flach verschriene Unterhaltung, wenn man sie ernsthaft betreibt, enthält grundsätzliche Wahrheiten. Es bleibt aber der Schmerz, der das Lachen geradezu herausfordert. Man geht mit einem guten Gefühl nach Hause an diesem Abend, beschwingt aber nachdenklich und mit einer gewissen Erleichterung, dass der kleine Jacky damals doch die Kurve gekriegt hat.