Polymorfinesse

Literatur & Bild in Köln und in der Welt

Berichte


Bericht zur Eröffnung der Poetica 4 am 22. Januar 2018

In wechselnden Wassern

Das Farbschema ist durchbrochen. Nach der Poetica 2, die dem Blauen gewidmet war, und der Poetica 3, die ihren Fokus auf das Grüne gelegt hatte, findet in diesem Jahr eine Poetica 4 statt, die zwar nicht farblos, aber doch zumindest nicht farblich festgelegt ist. Eine Festlegung dieser Art oder irgendeiner Art würde auch dem diesjährigen Motto entgegenstehen: beyond identities. Die Kunst der Verwandlung.

Das diesjährige Festival für Weltliteratur, das außer der Eröffnungsveranstaltung noch zahlreiche weitere Veranstaltungen zu verschiedenen Themenschwerpunkten an verschiedenen Orten in Köln zu bieten hat, steht im Zeichen des Wandels und der Erneuerung. Die Themenwahl mag in der heutigen Zeit wenig überraschen, das Vergehen von Gewissheiten, die Erosion des Etablierten, um nicht zu sagen die pure Ungewissheit hat sich tief in die heutige Lebenswelt eingeschrieben. Die Autoren der diesjährigen Poetica schreiben sie fort.

Schon in den traditionellen Begrüßungsworten von Prof. Dr. Axel Freimuth werden die Themen Identität und Metamorphose in den Vordergrund gerückt. Beginnend bei der Heisenbergschen Unschärfe macht Freimuth klar, dass es sich beim permanenten Wechselspiel von Identität und Metamorphose keineswegs um ein rein literarisches Problem handelt, auch wenn der Literaturfreund schon bei der bloßen Nennung der Metamorphose nicht anders kann, als an Ovid zu denken. Freimuth jedoch weist explizit auf die politischen Herausforderungen des Wandels hin, spricht über die Wissenschaft im Dienst der Ideologie und die aktuellen Veränderungen durch weltweite Migrationsbewegungen. Hier verweist er beispielsweise auf Böll, der als politischer und kritischer Autor die Brücke von den Problemlagen des 20. Jahrhunderts in die Literatur zu schlagen verstand. Und mit einem Verweis auf Böll spielt man in Köln sowieso immer die richtige Saite an, das ändert sich nie.

Nach Herrn Freimuth ergreift die diesjährige Kuratorin des Festivals und Moderatorin des Abends das Wort. Schon im Einleitungstext, den Frau Yoko Tawada zur Poetica verfasste, wies sie explizit darauf hin, dass der Wandel, die Veränderung seit jeher zum grundsätzlichen Wesen der Literatur gehörten, ebenso wie Identitätszustände und scheinbare Identitäten: „Ein Mann ist nicht immer männlich, die Europäer nicht immer europäisch und ein Mensch nicht immer zweibeinig.“ Auch das Lesen oder Hören von Literatur bewirkt – hoffentlich – eine Veränderung in der lesenden Person. An diesem Abend spricht sie zunächst vom Wasser. Schon seit dem antiken „panta rhei“ gibt es kaum ein verbreiteteres Sinnbild für die unendliche und rastlose Veränderung. „Wir teilen alle ein Wasser“, stellt Tawada fest und erklärt somit das Wasser zur allgemeinen Heimat. Im Wasser ist alles eins und doch immer anders. Selbst der vor Ort so geschätzte Rhein enthalte Tropfen aus dem Pazifik. Von hier fließt die Rede weiter zur Sprache. In dieser gestalten wir uns jede Sekunde neu, so Tawada.

Der erste literarische Gast des Abends ist Monique Truong, eine amerikanische Autorin mit vietnamesischen Wurzeln. Sie liest einen Textauszug in dem es um Alice B. Toklas geht. Als Tawada anschließend auf die zentrale Rolle von Essen in der asiatischen Literatur verweist, gibt Truong zu, dass sie es faszinierend findet, zu lesen, was sich literarische Figuren auf den Tisch stellen, da es sehr intime Einblicke gewähre. Der dänische Autor Morten Søndergaard liest ein Gedicht über sterbende Bienen und räumt im Gespräch ein, oft übers Schlafen zu schreiben. Im Schreiben, so Søndergaard, lege man die Sprache schlafen und lasse sie träumen. Abschließend kann ihn Tawada dazu bewegen, einen kurzen Text auf Deutsch zu lesen, trotz seiner eigenen Vorbehalte seiner deutschen Sprachfähigkeit gegenüber. Anschließend liest Barbara Köhler zwei Gedichte. Im Gespräch mit Tawada geht es unter anderem um das Wort „lassen“, das deshalb faszinierend sei, weil es ein Verb ist, das gerade bedeutet, nichts zu tun, oder zu warten und nicht zu steuern. Köhler geht dabei auf die strenge Blockform ihrer Texte ein und stellt fest: „Es muss den Moment geben, wo die Sprache etwas macht, nicht ich.“ Jeffrey Angles, der als nächster literarischer Gast zu Wort kommt, ist ein amerikanischer Autor, der aber auch in japanischer Sprache dichtet und einen Text vorträgt, der in einem ständigen Wechsel aus Englisch und Japanisch formuliert ist. In diesem Text, wie auch im Gespräch mit Tawada thematisiert er die Tätigkeit des Übersetzens. Da er zeitweise auch in Japan lebte und in beiden Sprachen beheimatet sei, sei es für ihn, als habe er zwei Persönlichkeiten, was er in dem Text auch zum Ausdruck bringen wollte.

Um den Literaten eine Pause zu gönnen, tritt nun Prof. Dr. Günter Blamberger ans Mikrophon und spricht zum Thema omnia mutantur. Er beginnt mit einem Exkurs über Maria Elena Walshs magischen Realismus – hier fließt ein Fluss statt eines Zuges in den Bahnhof ein, man bleibt also dem Bild des Gewässers treu. Die Darstellung ist hier Camouflage, weil Veränderung politisch nicht opportun ist, muss die simple Tatsache, dass alles im Fluss ist, sich in Bildern eines Flusses ausdrücken: „so wie es ist, muss es nicht bleiben.“ Anschließend kommt er folgerichtig auf Ovid zu sprechen und von diesem auf Adelbert von Chamisso. Die Verbindung liegt auf der Hand: Ovids Metamorphosen gelten als ein grundlegender Text der europäischen Bilderwelt und befassen sich mit Wandel und Verwandlung, der Notwendigkeit und der Freiheit sich neu zu definieren. Eine aktuelle Form erzwungenen Wandels ist die derzeitige weltweite Migration. In der Debatte darüber wird aber leicht vergessen, dass Migration auch als Massenbewegung keineswegs neu ist und dass Nationalität als feste Ansammlung von Charakteristika ein Trugbild ist. Chamisso dient der Veranschaulichung von Migration älterer Zeit, die die deutsche Kultur nachhaltig geprägt hat. Wer das Risiko scheut, der versteinert. Blamberger versteht Reichtum nicht als starres Für-sich-behalten-wollen, sondern als einen hohen Grad an Beziehungsfähigkeit und Vielstimmigkeit als einen Katalysator des Fortschritts. Eine von äußeren Einflüssen unberührte Nationalkultur habe es nie gegeben. Ein weiteres Zwischenspiel gibt der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Prof. Dr. Ernst Osterkamp, der seine Zuhörer in ein kurzes Proseminar zu Ovid und Goethe entführt.

Danach setzt sich der literarische Teil der Veranstaltung mit dem chinesischen Autoren Bei Dao fort, der ein Gedicht liest und auf die Frage nach den politischen Einflussmöglichkeiten von Dichtung, vom Gedichtfestival in Hongkong erzählt. Ein kompliziertes Thema. Hiromi Itō liest ihren Text im japanischen Original parallel zum Vortrag der Übersetzung und macht so aus einer Lesung eine sprachliche Performance mit Tiefenebene, die mit großem Applaus belohnt wird. Überraschend nach dieser freien Vermengung zweier Sprachen gesteht die Autorin anschließend jedoch, dass sie das Englische hasst. Auf Nachfrage präzisiert sie: bis heute. Die gebürtige Japanerin lebt in den USA, hat aber aufgehört Englisch zu lesen. Teju Cole aus den USA verbindet hingegen nicht zwei Sprachen miteinander, sondern Sprache und Bild. Zu seinen Texten werden Bilder gezeigt, in denen nach seiner Aussage eine gewisse Spannung liegen muss und die auf eine Geschichte verweisen können. Tawada verlockt den auch im Musikalischen bewanderten Cole zu Aussagen über Beethoven und Cole findet spontan Parallelen des Mottos des Abends zu Beethovens Widersprüchlichkeit: einerseits ikonisch gewordener Musikrepräsentant, andererseits eben doch ein Mensch, in seinem späten Schaffen absolut folgerichtig und dennoch fragmentiert. Anneke Brassinga aus den Niederlanden liest und spricht anschließend über die Übersetzung als Verwandlung der Sprache. Auch mit Übersetzern der eigenen Texte hat sie schon zusammengearbeitet. Dabei habe sie es gern, dass Übersetzer ihre eigene Wirklichkeit haben, denn diese sei auch für die Autorin wiederum interessant zu Verfolgen. Kim Hyesoon ist eine der bekanntesten Autorinnen Südkoreas und demonstriert in einer starken und klaren Sprache warum: im dargebotenen Text verbindet sie Marilyn Monroe mit Schweinen und Schlachthäusern. Sie erzählt davon, dass in Südkorea eine neue Autorinnengeneration beginnt feministischer zu werden und neue kleine Buchhandlungen entstehen, die teils von Autoren selbst betrieben werden, die dort selbst lesen und eine neue Kultur von Lesungen initiieren. Den literarischen Schlusspunkt des Abends bildet Jan Wagner, der nach einem Versuch über Mücken davon spricht, dass das Schreiben, neben handwerklichen Überlegungen auch einen Zustand der Selbstvergessenheit beinhaltet. Seine Neigung „Versuche“ zu formulieren erläutert er als den Versuch, sich durch Sprache an einen Punkt zu begeben, von dem er jeweils noch nicht weiß, was er sein wird.



22. Januar 2018 - Poetica


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Bericht zum interkulturellen Autorencafé fremdwOrte am 09. Januar 2018

Wo wohnen Worte? Wo Worte wohnen!

Zu Gast im interkulturellen Autorencafé fremdwOrte


Oh wie raumhaft kann die Sprache sein!“ Im interkulturellen Autorencafé fremdwOrte , in dem sich in monatlichem Turnus migrierte und eingeborene Freunde der Sprachen treffen, um miteinander über Geschriebenes und seinen Ort in der Welt zu diskutieren, ging es beim ersten Treffen am 9. Januar des noch frischen Jahres 2018 im Literaturhaus zu Köln um die Themen Wohnen, Wohnwelten, Wohnkulturen, Leben und Räume.

  
Bevor auch nur ein Wort zur Literatur fallen konnte, stand das Thema „Raum“ bereits im selbigen, in ganz lebenspraktischer Weise. Denn der Raum, in dem man sich traf, konnte die stetig Ankommenden und ihre Stühle kaum fassen. Der Initiator der Veranstaltungsreihe Dr. Roberto Di Bella nahm es gelassen und freute sich sowohl über das rege Interesse, als auch über die Möglichkeit seinerseits ganz dezentral in den Stuhlkreis einzugehen. Er begrüßte zu Beginn einen besonderen Gast in der Runde: die Autorin Yoko Tawada. Frau Tawada ist derzeit in besonderer Funktion in Köln. Sie ist die Kuratorin der diesjährigen Poetica, dem Festival für Weltliteratur, das vom 22. bis zum 27. Januar zum vierten Mal stattfindet. Das diesjährige Motto der Poetica lautet: Beyond Identities – Die Kunst der Verwandlung. Den Hauptteil der Diskussion bei diesem fremdwOrte-Treffen nahm die Diskussion der Ergebnisse des  Kreativworkshops "GeWohnt und UngeWohnt" ein. Dieser hatte an an zwei Tagen im November 2017 im Rautenstrauch-Joest-Museum stattgefunden. Die internationale Teilnehmergruppe hatte sich hier von den Exponaten und den Informationen des Museums zu verschiedenen Texten inspirieren lassen. Am Samstag, den 2. Dezember 2017, waren die Texte bei einer Lesung innerhalb des Themenparcours bereits präsentiert worden. Einige Texte sind sogar noch bis zum 18. Februar als Intervention in der Abteilung "Wohnen" des Museums ausgestellt. In der anwesenden Runde waren sowohl die Workshopleiterinnen, als auch einige Teilnehmer zugegen, die den Workshop nochmal für alle vorstellten und ausgewählte Texte daraus zu Gehör brachten. Als Inspiration hatten im Museum die Exponate zu den Lebenswelten anderer Kulturen gedient, so dass sich Texte und Diskussionen auch im Nachhinein um Fragen von Wohnen und Raum drehten. Es wurden auch sehr persönliche Erfahrungen in den Raum gestellt, etwa unmittelbare Erfahrungen von Verlust früherer Häuser und Wohnungen durch Flucht und die unzumutbare Situation, die der beengte und permanent öffentliche Lebensraum Turnhalle für eine Person bedeuten. Aber auch anwesende Personen ohne Fluchterfahrung berichteten von Erlebnissen, etwa vom Verlust des Wohnraums bedroht zu sein oder die eigene Wohnsituation freiwillig in verschiedenen Lebensphasen gewechselt zu haben. Schließlich kam auch die Thematik des Wohnens in der Kriegs- und Nachkriegszeit auf, so dass das ein breiter thematischer Bogen entstehen konnte, der es auch erlaubte auf gemeinsames Wohnen und seine Schwierigkeiten einzugehen. Hier dienten die Ereignisse an der Keupstraße mit dem Bombenattentat von 2004, dem Hinterfragen des sozialen Zusammenhalts und dem Birlikte-Festival als Folgeentwicklung als Beispiel. Die gelesenen Texte als dem Workshop waren in deutscher Sprache verfasst, doch mancher Teilnehmer las noch ergänzende Arbeiten auf Arabisch und die Diskussion glitt bisweilen ins Englische ab. Es fand also ein wirklich internationaler und sehr lebhafter Austausch statt, innerhalb dessen auch Fragen des Rechts auf künstlerische Ausdrucksfreiheit und Hinweise auf die Interpretationsfreiheit des Lesers wiederholt aufkamen. Zur Abrundung der Veranstaltung wurden Fotos vom Workshop, aber auch von verschiedenen Installationen des Teilnehmers Manuel G. Cardero gezeigt, der an verschiedenen Orten in der Welt literarische Texte in den Lebensalltag von Gruppen hineingetragen hat. Seine Kollegin Alexandra Bergedick las begleitend zu den Fotos eigene Texte. Gemeinsam formulierten sie den Anspruch Projekte zu beginnen, in denen Texte mit anderen Kunstformen, etwa Musik oder bildende Künste, verbunden werden sollen und luden alle Anwesenden zur Teilnahme ein. Der lebendige und auf Fortschreibung ausgelegte Charakter des Nachmittags blieb somit über das ganze Treffen hinweg greifbar. Wo und wie die Menschen wohnen, darüber hätte man sicherlich noch eine Ewigkeit lang sprechen können, oder man hätte die Diskussion auf den wesentlichen und offensichtlichen Punkt verkürzen können: viele leben einfach in ihren Worten.

fremdwOrte am 9. Januar 2018


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Berichte zur Frankfurter Buchmesse 2017


http://www.read-maryread.de/index.php/speaking-corner/frankfurter-buchmesse-2017_reinhold-messner-und-sein-sachbuch-wild_191081858127/


 http://www.read-maryread.de/index.php/speaking-corner/frankfurter-buchmesse-2017_welt-verstehen-leicht-gemacht_161081858126/




Berichte zur LitCologne 2017


http://www.read-maryread.de/index.php/literaturfestival/lit-cologne-2017_waste-your-time_120481859104/


http://www.read-maryread.de/index.php/literaturfestival/lit-cologne-2017_sind-wir-bald-da_gibt-es-das-auch-mit-sojamilche_eine-hommage-an-die-nervensaegen_180381859098/


http://www.read-maryread.de/index.php/literaturfestival/lit-cologne-2017_laurent-binet_roland-barthes-foucault-und-die-siebte-sprachfunktion_180381859097/


http://www.read-maryread.de/index.php/literaturfestival/lit-cologne-2017_ich-bin-so-geil_mit-annette-frier-und-sky-du-mont_100381859090/


http://www.read-maryread.de/index.php/literaturfestival/lit-cologne-2017_auftaktveranstaltung-mit-t-c-boyle_260281859086/



Bericht zur Eröffnung der Poetica 3 im Januar 2017 in Köln

Seelensuche im Schnelldurchlauf

Wo sitzt die Seele? „Unlocatable!“, sagt Eleni Sikelianos aus den USA, die erste vortragende Autorin des Abends und lacht, aus Verlegenheit oder über die Unsinnigkeit der Frage. Am 9. Januar startete in Köln zum dritten Mal die Poetica, das Festival für Weltliteratur. Zwischen dem 9. und dem 14. Januar des noch frischen Jahres 2017 wurde in mehreren Veranstaltungen mit internationalen Autoren in Zeiten der abbrechenden Dialoge und der besorgniserregenden Ablehnung des Fremden und der Verhärtung von Positionen, die internationale Literatur diskutiert und gefeiert. So fragten sich Autoren aus zahlreichen Ländern nach der Seele und ihren Sprachen, so das Motto der diesjährigen Veranstaltungsreihe.  

Bei der Auftaktveranstaltung an der Universität zu Köln wurden nach bewährtem Konzept die teilnehmenden Autoren kurz vorgestellt, indem zwei mal aus ihrem Werk gelesen wurde, einmal von den Autoren selbst in der Originalsprache, anschließend nochmals in deutscher Übersetzung. Schließlich wurden die Verfasser in einem Kurzinterview zum jeweiligen Text oder zur Sprache der Seele befragt. Kuratorin der Poetica 3 und Moderatorin der Auftaktveranstaltung war Monika Rinck. Die Abfolge der Autoren wurde gerahmt und unterbrochen von Begrüßungen, Einschüben und Schlussworten sowie musikalischen Darbietungen.

Ist die Seele immer nur der Ort von Krankheit, Verletzung und Trauma? Die israelische Autorin Zeruya Shalev zeigte die Seele in ihrem Vortrag als einen höchst individuellen Ort von Schmerz. Die Seele, so die Autorin, spricht grundsätzlich in langen Sätzen. Seele ist „frictionated“, fand Maricela Guerrero aus Mexiko, die Poesie aber sei ein Mittel sich um die Seele zu kümmern, die eigene und die fremden. Eher handfeste Eingrenzungen der Thematik nahm Stefan Weidner vor, der als Übersetzer von Ibn-Arabi ins Deutsche den alten Seelenbegriff einer ihm fremden Kultur über die Vielzahl der entsprechenden Worte und ihren Kontext erschließen musste. Die türkische Autorin Nurduran Duman beendete schließlich die Vorstellung der ersten Autorengruppe.

Die anschließende als „Pause“ titulierte Phase, stellte allerdings keinerlei Leergang dar, sondern füllte die Lücke zwischen den beiden Gruppen vorgestellter Autorenmit Ausführungen von Professor Günter Blamberger und Professor Heinrich Detering. Sie führten ihre gebannten Zuhörer von Eichendorff und Silvia Plath bis hin zu Aretha Franklin („Aretha ist Bob Dylans Wagner!“) und vom Blues des letzten Jahres bei der Poetica 2 zum Soul der diesjährigen Veranstaltung.

Nach diesen Aus-, Ab- und Umschweifungen ging es mit der nächsten Autorengruppe in die zweite Runde. Sehr konkret wurde von der in Paris lebenden Gila Lustiger zum Thema Seele gelesen und gesprochen, die mit ihrem Beitrag auf die Terroranschläge in Paris Bezug nahm und die Notwendigkeit und Herausforderung offener Kommunikation über alle großen und kleinen Grenzen hinweg sowie den Respekt vor dem Menschen in jeder Lebenslage ins Zentrum ihrer Überlegungen stellte. Javier Bello aus Chile verfolgte einen völlig anderen Ansatz: den der Zertrümmerung von Sprache (wie Glassplitter) zu Ruinen. Ein besonders bemerkenswerter Gast unter vielen bemerkenswerten Gästen war Galsan Tschinag aus der Mongolei, der nicht nur mit seinem hervorragenden Deutsch beeindruckte (er studierte in den 60er Jahren in Leipzig), sondern vor allem mit dem ihm eigenen Wandern zwischen den Welten in seinen verschiedenen Tätigkeiten, als preisgekrönter Schriftsteller und Übersetzer einerseits, als Schamane der Tuwa andererseits. Im Gespräch auf diese unterschiedlichen Welten angesprochen erklärte er, dass es in jeder dieser Welten schlechtes gäbe und er daher seine Aufgabe darin sehe als eine Art Lehrer oder Ratgeber in der jeweiligen Welt immer das zu geben, was in ihr von Nöten sei. Es folgten zur Abrundung des Abends der österreichische Autor Michael Donhauser und die deutsche Autorin Angelika Meier, die das Thema Seele nochmals auf den Punkt brachten: Seele sträubt sich gegen jede Fassbarkeit (Donhauser), und sie erduldet viel, aber arbeitet nicht (Meier). Es ist immer Spaß und Verzweiflung wenn die Poesie der Seele Ausdruck verleiht, aber keine Arbeit (frei nach Kafka).


 

 

 

 

9. Januar 2017 - Poetica 3


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Berichte zur Frankfurter Buchmesse 2016

 

 



Berichte von der LitCologne 2016




Bericht zur Lesung von Swetlana Alexijewitsch in Köln am 6. März 2016

Auf der Straße mit Alexijewitsch


Warum verweist eine Männerunterhose auf das Geheimnis jedes einzelnen Menschen? Die Antwort ist simpel: weil der Homo Sowjeticus nicht existiert, weil Saschka brennt und weil Frauen nicht sterben in fremder Unterwäsche.  

Im Literarischen Salon trifft Swetlana Alexijewitsch auf Guy Helminger und Navid Kermani, die kaum zur Frage kommen vor lauter Antwort. Nur dass die Antwort keine sein will. Alexijewitsch bietet Gedanken, Antworten hat sie nicht anzubieten, Gespräche und Monologe aber kein Letztenendes.

Vom Literarischen Salon aus nimmt Alexijewitsch ihre Zuhörer mit auf einen Rundgang durch die Straßen der ehemaligen Sowjetunion, denn von hier geht sie aus. Grund für ihren Gang durch die Straßen ist der Ärger über die flüchtige Natur der Wahrheit, zu finden in Fetzen, in Klängen und Klagen, in Kellern und Gassen, an Ecken und im Mauerwerk. Die Flucht des authentisch gesprochenen Wortes den Rinnstein hinab treibt die an Wahrheit Interessierte zur Feder, denn nur was geschrieben wurde kann überdauern. So ist ihre Literatur vielleicht Journalismus, das klassische Interview des Berichterstatters, ein nüchternes Haus erbaut auf dem Fundament literarischer Reisebeschreibung und Wesenssuche. Dabei, so betont es die Autorin, geht es ihr aber nicht um die Information, nicht um den Text für das Regal mit den Geschichtsbüchern, sondern, sie sagt es so flüchtig wie es gemeint ist, um das Geheimnis des Einzelnen. Worin es besteht behält sie gewitzt für sich und teilt es in ihren Texten doch mit. Das Geheimnis steckt in der Weigerung zu sterben, wenn die Kämpferin die Fragende verlacht, denn der Tod ist undenkbar, während man gezwungen ist in einer armeegestifteten Männerunterhose für den Sozialismus zu kämpfen. Das Geheimnis nimmt Saschka mit ins Grab, ohne es jenen zu erzählen, die ihm zusehen müssen, als er sich in seinem Gemüsebeet übergießt und anzündet. Es sind Erzählungen von einer Vergangenheit, die nicht vergangen ist, nur zerbrochen. In ihrer Zerbrochenheit existiert sie weiter und darin das Individuum, ebenfalls zerbrochen und der übergeordneten Sinngebung entkleidet. Der große Sinn, so Alexijewitsch, ist tief in der Mentalität der Russen verwurzelt, ohne kann und will der Russe nicht existieren und sucht nach dem neuen großen Ziel. Zwischen Sinn und Sinnverlust entfaltet sich das Spannungsfeld des Werks. Für ein authentisches Gespräch, so erfährt man, muss der totalitäre Mensch aus dem Totalitarismus herausgezogen werden. Dennoch verneint die Autorin die pauschale Annahme eines Homo Sowjeticus, stattdessen spricht sie von Individuen, tragischen Figuren und einem Volk, das sie liebte ohne es zu kennen. Der Schock darüber das Volk kennenzulernen scheint tief zu sitzen. Man erfährt vom Vorsatz der Autorin über andere Themen zu schreiben. Die Erzählungen des Volkes, die Staßenklagen und Gassengeschichten sind konserviert, vieles andere ist  verloren und unwiederbringlich. Es ist ein Abend der Desillusionierung im Literarischen Salon, ein Spaziergang ohne Happy End. Vielleicht sogar eine literarische Lesung ohne Literatur, sicherlich ohne letztgültige Antworten. Das Geheimnis des Menschen bleibt offen.

6. März 2016 - Lesung


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Bericht zur Poetica 2 im Januar 2016

I'm blue – Dubidubi Dubiduba

Wenn Poeten und Wissenschaftler vor Publikum über das Blaue in der Welt räsonieren, geht jedem Blau-Fan das Herz auf. Wie lang blaue Wellen sind, wie abwesend arktisches Blau ist und ob die Nase der Frau von Novalis auch blau war, erfährt man da. Warum darf blau nicht einfach eine fröhliche Farbe sein? Wegen der Kultur! Und eine königliche Farbe? Das ist lang vorbei! Wer schon immer facettenreich über das Blaue informiert werden und selbst informieren wollte, war am Montag den 25. Januar 2016 an der Universität zu Köln bei der Eröffnungsveranstaltung der Poetica – dem Festival für Weltliteratur – genau richtig. Hier wurden Blauliebhaber verwöhnt und Blauverächter versöhnt. Nicht uninteressant, nicht nötig, nicht langweilig, nicht kurz und nicht in jedem Sinne bunt war der Abend. Zugegeben, es gab Melancholie en masse, tiefsinnige Todestexte, wunderbare Wortspiele und allerlei schriftstellerischen Schabernack als Sprachenpotpurri.  Hier und da in den Eröffnungsreden eine blaue Note zum Kölner Silvester und dann der Gegenschwung der internationalen, will sagen abendländischen, Literatur. Für die ganze Welt der Weltliteratur war die Veranstaltung dann doch etwas zu europa-lastig.    

Der Rektor der Universität zu Köln Prof. Dr. Axel Freimuth, selbst Physiker, zitiert Literatur über die Physik des Blauen. Weitere offizielle Stimmen ertönen blauwillig: Dr. Katharina Kloke vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und Barbara Foerster vom Kulturamt Köln. Plötzlich sind die Freunde des Blauen auf einer Wellenlänge, blau vergesellschaftet, das Miteinander ist Thema, die gemeinsame Melancholie verbindet.  Schließlich übernimmt Aleš Šteger (Kurator der Poetica und Moderator des Abends), seinerseits Slowene, nach kurzen Eröffnungsworten, die Regie des Abends.

Je ein Poet tritt aus der Sitzgruppe im Bühnenhintergrund vor und liest einen Text, anschließend ein Ultrakurzinterview geführt von Šteger. Was diesem gelegentlich an Souveränität entgleitet, fängt er mit dem Charme des weltgewandten Gastgebers wieder auf.    Lavinia Greenlaw (UK) eröffnet den Reigen der Melancholie mit einem Text darüber, was die blaue Arktis nicht ist. Juri Andruchowytsch (Ukraine) erzählt von Werwölfen in verlassenen sowjetischen Armeestützpunkten und seiner musikalischen Gegenwart. Georgi Gospodinov (Bulgarien) entgrätet Wortfische und informiert, dass er dem traurigsten Ort der Welt entstammt. Ilma Rakusa (Schweiz) betrachtet Venedig als Architekturliste und die Liste als Kunstform.  Dann...Kunstpause!  

Prof. Dr. Günter Blamberger (Direktor des internationalen Kollegs Morphomata) beginnt – thematisch völlig unvorhersehbar – einen Exkurs zum Blauen. Interessanterweise tatsächlich sehr interessant, um nicht zu sagen: amüsant. Es geht um Heines Spott über Novalis, die blaue Blume des verschlafenen Heinrich von Ofterdingen, das Traummotiv und den Wendepunkt, den die Kleidung Werthers und die blaue Blume für das Blaue markieren: es wird zum Symbol der unkonventionellen Loslösung. Blau ist nicht objektiv gegeben, sondern immer nur ein Sinneseindruck unter dem Einfluss kultureller Prägung. Diese, das wird deutlich, wird an diesem Abend international erkundet. Zum Abschied ein Schmunzeln zum wahrscheinlich blauesten Gefängnisausbruch, den die Literatur bisher hervorgebracht hat in Michael Ondaatjes In the skin of a lion (In der haut eines Löwen, übersetzt von Peter Torberg) von 1987.

Das Poesie hat wieder die Bühne. In der zweiten Hälfte der poetischen Darbietungen und Gesprächsrunden macht sich Bernardo Atxaga (Spanien) auf Baskisch und Spanisch Gedanken über seinen Todestag, begleitet und gebrochen vom mantrahaften "Dubidubi Dubiduba". Der fröhlich-depressive Sjón (Island) liest von einer Litographie Marie Curies aus den Händen des Malers Munch. Seine Empfehlung im Angesicht von Todesahnungen: sobald man sich aus völliger Melancholie erhebt, muss man ein Gedicht darüber schreiben! Ana Ristović (Serbien) hält es mit der intensiven Selbstbetrachtung und Durs Grünbein (Deutschland), der mit einem Bein in Rom lebt, teilt mit: Das Gute an Rom ist, dass man für die Stadt immer schon zu spät ist. Paul Muldoon (Ire) verbindet Erinnerungen mit historischen Ereignissen und toten Indianern, um sich literarisch dem Tod eines jungen Menschen zu nähern. Über allem klingt, schwebt und schimmert es blau. Auch für frohe Menschen ohne Neigung zum blauen Gemüt unbedingt sehens- und hörenswert.

 

 

 


Bericht zur Lesung von Herta Müller in Köln am 19. November 2015

Von Brüchen und von Besessenheit – Herta Müller liest in Köln  
    
   
Ein Gespräch mit einer Autorin muss von der Sprache handeln. Wovon sonst? Das geschieht unabhängig von der Intention der Veranstalter, unabhängig von einem Motto, einem Thema oder irgendeiner Vorgabe, sondern gehört zum natürlichen Lauf der Dinge. Autoren reden so natürlich von der Sprache wie kein Börsianer von Aktienkursen sprechen kann, denn diese wohnen nicht in ihm. Die Autorin Herta Müller macht sich im Gespräch für die Alltagssprache stark, es gäbe keine andere. Es gäbe eben nur diese Alltagssprache, die dadurch, dass sie ungewöhnlich zusammengesetzt wird schließlich anfängt zu glitzern. von sich selbst, sie habe sich, als sie Anfing zu schreiben, nie als Schriftstellerin begriffen, sie habe einfach geschrieben, für sich selbst. So natürlich die Sprache zu ihr kam, scheint sie seither auch wieder in neue Kanäle aus ihr herauszuströmen. Und doch: zu sagen in einem Gespräch mit Literaten ginge es um Literatur und Sprache ist profan. Um was soll es sonst gehen? Um was ging es eigentlich in jenem Gespräch zwischen Ernest Wichner und Herta Müller? So vieles ist Thema an diesem Abend, zuweilen ist eine Linie nicht zu erkennen.  Wer sich nur ein wenig für Literatur interessiert kennt Herta Müllers Namen, eine Begleiterscheinung des Literaturnobelpreises, den sie 2009 verliehen bekommen hat. Die Veranstaltung in der Zentralbibliothek Köln am 19. November 2015, bei der Herta Müller mit Ernest Wichner ins Gespräch kommt, markiert den Vorabend einer weiteren Preisverleihung: Müller soll den Heinrich-Böll-Preis 2015 der Stadt Köln erhalten1. Beide Veranstaltungen sind ausgebucht, ein weiterer Nebeneffekt großer Preise.  Doch außer Bekanntheit bringen Preise auch Vorstellungen, feste Bilder, Assoziationen, wenn es heißt „da schreibt jemand über Diktatur...“. Ernest Wichner und Herta Müller sind Schicksalsgenossen, wenn das Wort erlaubt ist, in Maßen. Beide wurden in Rumänien geboren, befinden sich seit den 70er bzw. 80er Jahren in Deutschland und leben in der, mit der und von der Literatur. Wichner ist Autor, Literaturkritiker, Übersetzer aus dem Rumänischen und leitet seit 2003 das Literaturhaus Berlin. Auch das ist Thema des Abends, Rumänien, die Anfänge.

Wichner scheut nicht die harten Brüche. Die Themen, über die er sprechen möchte, hat er sich zurecht gelegt, aber sie weigern sich ineinander zu fließen, so ist gleichsam der Stil des Gesprächs auch Repräsentant des Inhalts: Brüche. Brüche sind nicht die thematische Vorgabe des Abends und doch ziehen sie sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Bereiche. Ein Bruch, auf den Müller aufmerksam macht und den sie zuvor in einem offenen Brief an Kanzlerin Merkel thematisiert hat, betrifft den Gebrauch des Wortes „Heimatvertriebene“. Der Begriff wurde und wird in Deutschland verendet um jene Personen zu fassen, die ihre damalige Heimat im 20. Jahrhundert verlassen mussten um nach Deutschland überzusiedeln. Müller weist aber auf die Ungerechtigkeit hin, dass jene, die vor Hitler fliehen und ihre Heimat Deutschland verlassen mussten, von diesem Terminus nicht erfasst werden, für sie bleibt der Begriff „Exilanten“ vorbehalten. Müller nimmt diese Beobachtung als Anlass zu einem Plädoyer für ein Umdenken und schildert eindringlich die Bedeutung gerade jenes Exils für die Flüchtenden aus Deutschland heraus. Auch sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben, es kommt ihnen aber nicht zu diesen Umstand in Sprache manifestiert zu sehen, was wiederum auf die Denkweise der Bevölkerung verweist und auf die Spannungen im Verhältnis zu den Hitlerflüchtlingen, die letztlich historisch kaum aufgearbeitet wurden.

Es geht auch um die Brüche, die Herta Müller in ihrem Leben vollzieht, der Weg vom Dorf in die Stadt, von Rumänien nach Deutschland. Gleichsam geht es um die Brüche in der Biographie Oskar Pastiors, von denen Herta Müllers Nobelpreis-Buch Atemschaukel handelt. So geht es aber auch immer um die Brüche innerhalb dessen, was wir Welt nennen. Brüche, die durch Diktaturen hervorgerufen werden zwischen dem Innen und dem Außen, zwischen sich und der Umwelt, zwischen Denken und Handeln, Brüche, die in der Literatur wieder verwachsen, oder zumindest bearbeitet werden können. Im Gespräch offenbart sich: Begleiter solcher Brüche ist oft eine kleine oder größere Form von Besessenheit. Sie offenbart sich beispielsweise in Müllers Beschreibungen der Zensur, die ihr literarisches Erstlingswerk Niederungen 1982 in Rumänien durchlaufen musste. Hier offenbaren sich bei den Zensoren gleich mehrere Besessenheiten zugleich: von Prestige, Dominanz, Profilierung und Dienstbarkeit, die schief erscheinen im Prisma der Bruchstelle. Besessenheit ist ist aber auch die Konsequenz für die, die die Brüche deutlich erleben. Es berührt den Zuhörer die Schilderung einer Reise, die Müller und Wichner 2003 gemeinsam mit Oskar Pastoir unternahmen, um das Lager, das in Atemschaukel thematisiert wurde, wiederzufinden. Im Gedächtnis bleibt die Besessenheit Pastiors vom Essen bei der Rückkehr an den Ort, der für ihn einstmals den Hunger bedeutete. Es wird klar, dass Pastior sein Leben lang besessen blieb von jenem Hungerengel, dem Müller in Atemschaukel eine Gestalt zu geben versucht. An diesem Abend liest Herta Müller aus ihrem Roman den Abschnitt Vom Hungerengel , die Formulierung „Vom...“ eine Reminiszenz an Pastoir, der diese Formulierung bevorzugte. Müller spricht über die „Intimität der Beschädigung“, die sie an Pastior beobachten konnte, die er in seinen Träumen erlebte und die er ihr schilderte. Sie ist aber ein allgemeines Merkmal und verweist auf die Brüche innerhalb des Menschen selbst, vielleicht sogar auf sein Zerbrechen.

Und letztlich, so zeigt sich, ist auch Herta Müller selbst besessen und benennt dies im Gespräch ganz klar als eine Folge ihrer Erlebnisse in der Diktatur, sie ist besessen von Sprache, den Wörtern, der Möglichkeit sich auszudrücken. Müller beschreibt ihre Arbeit mit Wörtern, die sie aus Zeitungen, Magazinen und Prospekten ausschneidet, um daraus postkartengroße Kollagen zusammenzufügen. Müller selbst nennt es eine Besessenheit und publiziert auch ihre Kollagen. Das suchen und Ausschneiden der Wörter, ihr Aufbewahren, das Rearrangieren von sprachlichen Versatzstücken erfordert über die Zeit das Entstehen einer eigenen Sprachwerkstatt mit Möglichkeiten der Unterbringung und Ausbreitung. Man versteht, dass Sprache für eine Autorin nicht nur ihr natürliches Element ist, sondern auch der Ort konkreter handwerklicher Kunstfertigkeit und man hofft im Stillen, während man die in Köln präsentierten ausgewählten Kollagen auf einen Schirm projiziert sieht, dass Müller nicht allzu bald von ihrer Besessenheit kuriert wird.


Die Stadt Köln verleiht den Preis, der aus dem Kölner Literaturpreis hervorgegangen und nach dem Kölner Ehrenbürger und Nobelpreisträger Heinrich Böll benannt wurde seit 1985.

 





Bericht zur ersten Kölner Poetik-Professur Oktober 2015

Schmackofatz, Rotwelsch und der Hintern als Medium –

Marcel Beyer eröffnet Kölner Poetik-Professur


Es ist ein Vorurteil, dass sich niemand Gedanken macht über Magdeburg. Marcel Beyer macht sich viele Gedanken über Magdeburg und reißt sogar ein volles Auditorium mit. Marcel Beyer, Autor und neuerdings Inhaber der ersten Translit-Professur am Institut für deutsche Sprache und Literatur I der Universität zu Köln, berichtet von Erlebnissen am Bahnhof in Magdeburg und von Kuriositäten am Schnittpunkt zwischen Mensch, Mode und Sprache. Schnell wird klar, dass Beyer kein Autor im Elfenbeinturm ist. Seine Auseinandersetzung mit und seine Gedanken über Sprache sind direkt und alltagsnah, erst in zweiter Instanz werden sie unterfüttert, ausgeweitet und angereichert aus dem Fundus der Geistesgeschichte. Literatur, besonders Lyrik, müssen nah am Leben sein, den Wort-Alltag seines Stoffs entkleiden und aus diesem Stoff neue Worte schneidern, in die man das Erlebte wiederum zu hüllen vermag.

Nahezu eine Stunde wartet Beyer geduldig auf den Beginn seines Vortrags. Einführende Reden werden gehalten, nicht nur zum Schaffen des neuen Professors, sondern auch zur neu geschaffenen Professur: Translit. Die Transformationen eines Stoffs zwischen dem Medium Buch und Adaptionen in anderen Medien – diese Perspektive soll die Kölner Poetik-Professur aus dem Reigen der Poetik-Professuren an deutschen Universitäten herausheben. Marcel Beyer eröffnete am 27. Oktober also nicht nur sein eigenes Engagement an der Universität zu Köln, sondern eine Reihe, die sich zu einer Tradition transformieren soll. Beyer ist dafür der geeignete Mann. Nicht nur, weil dies die vorangestellten Lobreden bereits festlegen. Mit Blick auf sein bisheriges Schaffen wird schon mal vorab seine ausgesprochene Eignung konstatiert. Der Autor bleibt der Lobrede jedoch nichts schuldig, denn die Transformation bestimmt vom ersten Moment an den Vortrag, nicht nur vom Buch in Richtung 'neue Medien'. Viel unmittelbarer führt der Autor vor, wie sich selbst Banalitäten des sprachlichen Alltags aberwitzig transformieren lassen. Die fragwürdige Beschriftung von Bekleidung wird im Kopf des Autors zu Lyrik, potentiell. Wieso wird Wort überhaupt Kleidung? Dann auf der Straße: Die Neugier darauf, was sich hinter Schmackofatz verbergen mag, macht dieses Wortungetüm zu einem Geheimnis, das den Autor lockt, weil es sich ihm verschließt. Kann aus Schmackofatz noch Literatur werden? Natürlich! Alles ist Literatur! So gibt es auch Volksdichtung in Gaunersprache von bürgerlichen Autoren, die es nicht gibt, für Leser, die sie nicht verstehen können. Von Schmackofatz über Rotwelsch zu diffusen Botschaften vom beschrifteten Hintern eines Magdeburgers, von erfundenen Dichtern zu alltäglicher Literatur, alles exisitiert mit und in Transformation. Aller Alltag wird oder könnte Literatur werden, Poesie, potentiell. Die Kapitulation vor dem Gedicht lässt Beyer nicht gelten, es muss der Alltag in der Lyrik erkannt werden, die unmittelbare Lebenswelt aufgeschlüsselt. Literatur kann und darf nicht abgehoben sein, denn ihr Material ist immer das Leben, selten ein fremdes, meist das eigene. Beyer nimmt in seinem Vortrag die gebannten Zuhörer auf eine Gedankenreise durch Alltagssprachwelten mit und weist von dort aus jeweils immer wieder den Weg in die Literatur. Er tut dies in einer Weise, die nicht nur gelehrt und lehrreich ist, sondern auch kurzweilig und belebend.

Weitere Vorträge im Rahmen der Poetik-Professur von Marcel Beyer finden statt im neuen Senatssaal im Hauptgebäude der Universität zu Köln, jeweils ab 18.00 Uhr zu folgenden Terminen:

3. November 2015 Marcel Beyer und Ulli Lust über die Graphic Novel „Flughunde“,

10. November 2015 Marcel Beyer und Enno Poppe über gemeinsame Opern-Produktionen,

17. November 2015 Marcel Beyer und Iris Drögekamp über gemeinsame Hörspielproduktionen.